Die Kaiserliche Marine bis zum I. Weltkrieg

Mit dem absehbarem Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch-Französischen Krieg (19.7.1870 – 10.5.1871), erfolgte am 18. Januar 1871 die Gründung des Deutschen Reiches mit der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses Versailles.

Die vormals der königlich preußischen Marine und der Flotte des Norddeutschen Bundes
zugehörigen Schiffe und Boote wurden nun zur „Kaiserlichen Marine“ zusammengefasst und unter den Oberbefehl des Kaisers gestellt. Im Jahr 1872 erfolgte die Umbenennung des Marineministeriums in „Kaiserliche Admiralität“, dessen Chef der Infanterie-General Albrecht von Stosch (1818- 1896) wurde. Im Gegensatz zu preußischen Heer fehlte es der Marine jedoch an einer eigenen Tradition. In den ersten Jahren nach der Reichsgründung besaß daher die Kaiserliche Marine nur eine unwesentliche militärische Bedeutung, der Flottengründungsplan von 1873 war überwiegend defensiv gestaltet und sah als Hauptaufgabe der Marine den Schutz der deutschen Nord- und Ostseeküste vor. Auch wurden die für den Auf- und Ausbau der Marine benötigten finanziellen Mittel nicht wie erhofft bewilligt.

Dennoch konnte eine sich stetig weiterentwickelnde innere Struktur und zunehmende Akzeptanz der Kaiserlichen Marine in der Bevölkerung verzeichnet werden. Jedoch im staatlichen Gesamtgefüge nahm die Bedeutung der Marine nicht zu, was hauptsächlich auf Zwistigkeiten zwischen ihrem Befehlshaber von Stosch und den Reichskanzler Otto von Bismarck zurückzuführen ist. Trotz gutem Verhältnis zum Kaiser, stand der Marinechef nicht gerade in der Gunst des Reichskanzlers, welcher dem Marineressort immer wieder Kürzungen auferlegte. Diese Situation führte 1883 letztlich zum Rücktritt Stoschs. Nachfolger wurde mit Leo von Caprivi (1831- 1899) wiederum ein General des Heeres.

Dieser Wechsel war dem weiteren Aufbau der Marine nicht dienlich und führte zu dessen weiteren Verlangsamung. Hinzu kam, dass mit dem Erwerb deutscher Kolonien ab 1884 der Einsatz der Flotte auf den Ozeanen zunahm. Später wurde in Kiautschou in China sogar ein kompletter Flottenstützpunkt eingerichtet. Aber auch im näheren Territorium erfolgte der Ausbau der maritimen militärischen Infrastruktur, wie beispielsweise die umfangreiche Erweiterung des Reichskriegshafens Wilhelmshaven, der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals zwischen Nord- und Ostsee oder die Errichtung eines Kriegshafens auf der im Jahre 1890 erworbenen Insel Helgoland. Somit waren Gelder, die den Aufbau der Flotte gefördert hätten, vordringlich zur Einrichtung strategischer Stützpunkte und Sicherung der Kolonien gebunden.

Nachdem im sogenannten „Dreikaiserjahr“ 1888 nach nur kurzer Regentschaft von Friedrich III. dessen Sohn Kaiser Wilhelm II. den Thron bestiegen hatte, erhielt die Marine einen deutlichen Aufschwung. Die von Jugend an vorhandene Leidenschaft Wilhelms für die Marine, manifestierte sich von 1898 an in deren Förderung und Aufrüstung. Der Kaiser übernahm nun den Oberbefehl, die kaiserliche Admiralität wurde aufgelöst und neben weiteren Institutionen wurde ein Reichsmarineamt eingerichtet. Besondere Verdienste beim Aufbau der Marine in dieser Zeit sind Alfred von Tirpitz (1849 – 1930) zuzuschreiben. Der spätere Großadmiral wurde 1897 vom Kaiser zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes ernannt.

Alfred von Tirpitz – Bundesarchiv Bild 134-C1743 / Fotograf: unbekannt

Ehrgeizig und durchsetzungsstark setzte sich Tirpitz in dieser Funktion für den Ausbau der deutschen Hochseeflotte ein und gilt heute als deren eigentlicher Begründer.

Der im Zusammenhang mit dem Flottenausbau oft zitierte sogenannte „Risikogedanke“ wurde von Tirpitz allerdings bereits in seiner Grundsatzausarbeitung in der Dienstschrift IX von 1894 geboren und richtete sich anfangs nicht generell gegen die Royal Navy.

Ziel Tirpitz war es jedoch, die deutsche Flotte soweit aufzurüsten, dass sie ein gewisses Bedrohungspotenzial gegenüber der britischen Seemacht darstellen sollte. Hierbei spekulierte er darauf, die deutschen Flotte zumindest soweit auszubauen um ins Bündnisinteresse zu geraten. Tirpitz setzte mit großer parlamentarischer Zustimmung des Reichtags die Weiterentwicklung der Flotte durch. Mit dem 1. Flottengesetz von 1898 wurde der Bau weiterer Schlachtschiffe  und  die Stärkung der Marine in deutschen Gewässern und den Auslandsstationen der Kolonien beschlossen.

Der Satz Kaiser Wilhelms II. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ in seiner Rede anlässlich der Einweihung des Stettiner Freihafens am 23.9.1898, brachte die Vision einer starken deutschen Flotte zum Ausdruck. Damit begann jedoch auch eine verstärkte Aufrüstung der deutschen Kaiserlichen Marine und der englischen Royal Navy.

Durch das 2. Flottengesetz aus dem Jahre 1900 wurde diese Politik bekräftigt und der Flottenausbau weiter vorangetrieben. Für das von Tirpitz angestrebte Kräfteverhältnis von 2:3 zwischen Kaiserlicher Marine und Royal Navy, musste jedoch von einer relativ langen Bauzeit, bis ca. Mitte der 1920er-Jahre, ausgegangen werden.

Das Wettrüsten ging weiter und führte zur technischen Weiterentwicklung von Kampfschiffen, sowohl im Vorlauf der englischen Seite (wie z.B. durch den Bau des Großkampfschiffes „Dreadnought“), als auch im Gegenzug Deutschlands durch die, infolge weiterer Gesetzesnovellen, legitimierte Einführung neuer Schiffsklassen (z.B. der „Nassau-Klasse“). Die Rüstungsspirale hatte zur Folge, dass die Staatshaushalte stark belastet wurden. Um die immensen Gelder aufzubringen, wurde in Deutschland auf Beschluss des Reichstags am 1. Juli 1902 sogar eine „Schaumweinsteuer“ eingeführt.

HMS Dreadnought im Jahr 1906
HMS Dreadnought im Jahr 1906  – Photo # NH 63367 HMS Dreadnought (British battleship, 1906)

Zwischen 1909 und 1912 gab es zwar einige Versuche die weitere Aufrüstung der Flotten beider Länder zu begrenzen, welche jedoch auf Grund der  starren Kurshaltung in Richtung Flottenaufbau seitens des Deutschen Reiches scheiterten.

Diese politische Entwicklung wurde in Englands öffentlicher Meinung als militärische Bedrohung dargestellt. Dem Deutschen Reich wurde das Streben nach der Weltherrschaft unterstellt und zu einem Kriegsgrund aufgebaut. Die Ursachen für den Ausbruch des 1. Weltkrieges am 28. Juli 1914 lagen jedoch weitaus tiefgründiger.