Die Eroberung der Taku-Forts

Vorbemerkung: Der Angriff des internationalen Ostasiengeschwaders auf die Taku-Forts, ist in verschiedensten Literaturquellen sehr detailliert beschrieben worden. => s. hierzu u. a. Literaturhinweise 7) und 8). Im folgenden erfolgt daher nur eine Zusammenfassung der Ereignisse:

Ursprünglich war ein Angriff auf die Taku-Forts nicht vorgesehen. Nachdem sich jedoch die Lage durch näher rückende Boxerhorden und chinesische Truppen verschlechterte und die alliierten Truppen des Expeditionskorps um Seymour zunehmend zurückgedrängt wurden, erörterten die Geschwaderchefs  die Besitzergreifung der Taku-Forts, auch um zu verhindern, dass die Verbindung zu den Truppen an Land gänzlich abreißt und der Rückzug über den Peiho nicht mehr ermöglicht wird.

Daher entschlossen sich am 16. Juni 1900 mit Ausnahme des amerikanischen Admirals, sämtliche Kommandanten der Kriegsschiffe vor Taku, ein Ultimatum durch die Konsulate an den Befehlshaber der Taku-Forts zu stellen, bis spätestens zum 17. Juni 2 00 Uhr morgens die Forts zu übergeben.

Gleichzeitig erteilte der deutsche Geschwaderchef Vizeadmiral v. Bendemann den auf Reede liegenden Schiffen „Hertha“, „Gefion“ und „Hansa“, den Befehl zur Ausschiffung ihrer Reserve-Landungskorps.

Da der gesamte Teil des Landungskorps des Kreuzergeschwaders der Seymour-Expedition zur Verfügung gestellt worden war, wurden diese sofort aus den letzten noch entbehrlichen Mannschaften gebildet und unter Führung des Kommandanten der „Hansa“, KzS Pohl, gestellt.

Kapitän zur See Hugo Pohl
Kapitän zur See Hugo Pohl

Die Landungstruppen, zusammen 123 Mann, denen sich noch 20 Österreicher-Ungarn des kleinen Kreuzers „Zenta“ anschlossen, sollten zunächst den Bahnhof Taku besetzen.

Am Vormittag des 16. Juni in der Bahnstation Tongku angekommen, sicherten Pohls Truppen die Bahnhofs-Ostseite während die zur selben Zeit eingetroffenen 300 Japaner unter Fregattenkapitän Hattori, die Verteidigung der Westseite des Bahnhofs übernahm.

Der vorbereitete, allerdings nur mündlich besprochene Angriffsplan sollte ungefähr folgendermaßen aussehen:

  1. Am 16. Juni nach Einsetzen der Flut bis spätestens 4 Uhr morgens nehmen die Kanonenboote in der Reihenfolge „Algerine“, „Iltis“, „Bobr“, „Korejetz“, „Lion“ und „Giljak“ ihre Position im Peiho-Fluss ein.
  2. Um eine Erstürmung des Nordwest-Forts durch die Landungstruppen vorzubereiten, richten alle Kanonenboote in deren Schussweite sich das Fort befindet, ihr Feuer auf dieses. Gleichzeitig feuern die übrigen Boote, die das Nordwest-Fort nicht erreichen können auf die südlichen Forts. Als Zeichen zum Einstellen des Feuers auf das Nordwest-Fort wird von „Iltis“ am Flaggenmast ein schwarzer Ball gehisst. Damit beginnt der Artillerieangriff der Landtruppen zur Erstürmung des Forts.
  3. Der Angriff der Kanonenboote richtet sich als erstes gegen das Nordwest-Fort mit der Absicht, deren flußaufwärts gerichtete Geschütze niederzukämpfen und möglichst lange außerhalb des Feuerbereichs der nur in Richtung See wirkenden schweren Geschütze zu verbleiben.
  4. Das Nordwest-Fort soll daher das erste Ziel sein, bevor man den Angriff auf die weiter südlich befindlichen großen Forts ausdehnen kann. Hierbei soll eine wirksame Unterstützung durch die Landungstruppen unter Führung von KzS Pohl stattfinden, die den Angriff aus derselben Richtung wie die Kanonenboote auf das Nordwestfort führen sollen.
  5. Während des Landangriffs verlagern die Kanonenboote das Feuer gegen das Nordfort. Nach dem Fall des Nordwestforts beziehen alle Kanonenboote flussabwärts eine neue Stellung, aus der sie das Süd-Fort und die Strandbatterie bekämpfen können.
  6. Die in der Nähe von Tongku, im oberen Teil des Peiho liegenden chinesischen Torpedoboote werden von den englischen Torpedobootszerstörern „Fame“ und „Whiting“ außer Gefecht gesetzt. Das ebenfalls an dieser Stelle befindliche japanische Kanonenboot „Atago“ sichert die Eisenbahnstation von Tongku. Zum Schutz des Bahnhofs vor in Anmarsch befindlichen chinesischen Truppen, ist außerdem eine japanische Landtruppe vorgesehen.

Allerdings ging der chinesische Kommandant nicht auf die Forderung ein, sondern eröffnete in der mondscheinhellen Nacht zum 17. Juni um 0 50 Uhr unerwartet das Feuer auf die im Fluß befindlichen Kanonenboote.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kanonenboote jedoch, bis auf die „Algerine“ und die russischen Kanonenboote die vereinbarten Gefechtspositionen noch nicht bezogen. Obwohl „Algerine“ und die russischen Kanonenboote sofort das Feuer erwiderten, dauerte es einige Zeit, bis auch die übrigen Boote ihre Gefechtsposition erreichen konnten. Das Kanonenboot „Iltis“, das in der Nähe der Bahnstation Tongku fest im Hafen lag, wurde von den Geschützen des Nordwestforts und bald darauf des Südwestforts, lebhaft beschossen, bevor es losmachen konnte um sich auf Gefechtsposition zu begeben. Jedoch waren die Geschütze der Forts zu hoch justiert, da der Wasserstand durch die inzwischen einsetzende Ebbe gefallen war.

Dem vereinbarten Angriffsplan folgend, konzentrierten die alliierten Schiffe ihr Feuer zunächst auf das Nordwestfort, um den Sturm durch die Landungstruppen zu ermöglichen.

Trotz der Mondscheinhellen Nacht, gestaltete sich die Beschießung der Forts schwierig, da deren Geschütze kaum zu erkennen waren. Es wurden deshalb mehrere Feuerpausen eingelegt um Munition zu sparen. Bis zum Anbruch des Morgens behielten die Forts daher die Oberhand und konnten einzelnen Kanonenbooten einige schwere Treffer zufügen. Vor allem „Iltis“ wurde hierbei stark in Mitleidenschaft gezogen.

Im Morgengrauen des 17. Juni begann sich die Lage zugunsten der Alliierten zu ändern. Hauptsächlich durch den Beschuss von „Iltis“ und „Algerine“ wurde das Feuer des Nordwestforts zunehmend schwächer, bis es gegen 04:30 Uhr weitestgehend außer Gefecht gesetzt und somit sturmreif war. Auf das vereinbarte Signal hin setzten kurz darauf die Landungstruppen unter Führung von Kapitän Pohl zur Erstürmung des Nordwestforts an, was ihnen innerhalb von rund einer halben Stunde auch gelang. Nur wenig später richteten die Landungstruppen den nächsten Angriff auf das Nordforts aus, welches daraufhin ebenfalls kapitulierte.

Mit Unterstützung zweier nunmehr eroberter Geschütze des Nordforts wurde nun alle Feuerkraft der Kanonenboote auf das Südforts gerichtet. Trotz dieses starken Beschusses, konnten die Geschütze des Südforts noch zahlreiche Treffer bei S. M. „Iltis“ und „Algerine“ landen. Nachdem beide Schiffe das Nordwestforts passiert hatten, waren sie in den wirkungsvollsten Schussbereich des Südforts geraten. Das Kanonenboot „Iltis“ wurde hierbei in kurzem Abstand von mehreren Schüssen hintereinander getroffen, wodurch u. a. Oberleutnant zur See Hellmann getötet und der auf der Kommandobrücke befindliche Kommandant der „Iltis“, Korvettenkapitän Lans, schwer verwundet wurde.

Das Südforts hielt dem massiven Angriff noch gut zwei Stunden stand, bis es nach wiederholten Treffern in die Munitionslager zu Explosionen kam, wodurch große Teile des Forts zerstört und viele Chinesen getötet wurden, ebenfalls aufgab. Als mit anschließender Niederkämpfung der Strandbatterie etwa gegen 06:50 Uhr der letzte Schuss viel, war der Kampf um die Taku-Forts entschieden.